Wir treffen Vedad auf der Durchreise – gerade kommt er frisch aus Bosnien, seiner Heimat – und macht auf der Reise nach Hamburg einen Zwischenstopp in Berlin. Er redet schnell, gestikuliert, lacht und nimmt uns mit auf eine Reise zu seinen bisherigen Projekten.

Erzähl uns von deinem jüngsten Projekt.
Vor ein paar Jahren haben arabische Touristen aus den Golfstaaten angefangen nach Bosnien zu kommen und sich Häuser zu bauen. In Bosnien war ja Krieg und die bosnischen Serben haben Land verkauft. Das Land wurde dann aufgekauft. Es gibt Dörfer wo es keine 90 Häuser gibt und 40 gehören Arabern. Die sind nicht das ganze Jahr da, aber im Sommer wird da Arabisch gesprochen. Ich habe auch viel mehr bosnische junge Frauen mit Kopftüchern gesehen, als vor eineinhalb Jahren. Es ist schon eine Veränderung.

Ist es, wenn du sowas machst, eine freie Arbeit?
Ja, das ist eine freie Arbeit. Ich habe noch nicht angefangen zu arbeiten und habe noch keine Aufträge. Mitte letztes Jahr im Sommer habe ich erst mein Studium abgeschlossen. Seitdem habe ich Geld verdient. Meine letzte Reise war letzten November nach Moldawien. Ein armes Land. Das ärmste Land Europas. Und da habe ich eine Arbeit gemacht über die politische Identität Moldawiens.

Moldawien ist sehr russlandfreundlich oder?
Eben nicht. Beides. Manche wollen EU, manche wollen nach Russland. Von unten bis nach oben ist alles gespalten. Es ist alles sehr korrupt. Und die wissen auch nicht wirklich, was sie sind. Sie hatten zwar keinen Krieg, aber sind ein sehr gespaltenes Land. In Transistrien, wo ich leider nicht war, ist die Zeit stehen geblieben. Da gibt es noch Leninstatuen und Panzer. Die haben eine Währung, die nirgends anerkannt ist, nicht mal in Moldawien.

Was verbindet dich mit dem Balkan, was mit Deutschland?
Ich bin da aufgewachsen und habe 20 Jahre meines Lebens in Sarajewo verbracht. Vor sechs Jahren bin ich nach Deutschland gekommen, aber in den 90ern war ich zwischenzeitlich auch mal hier für vier Jahre, als Kind. Danach bin ich zurück, bin zur Schule gegangen, habe mein Abi gemacht und dann hab ich Fotografie studieren wollen in Deutschland. Vielleicht geht das Studium noch weiter, aber dann in Amerika. Aber nur vielleicht.

Was ist der Schwerpunkt deiner Arbeit?
Ich interessiere mich für Politik und würde am liebsten in Asien arbeiten. Ich bin Asienfan, weil alles cool da ist. Schon lustig, fasziniert mich einfach, die Kulturen. Ich war in Shanghai, das war eine Uni-Exkursion und dann bin ich nach Vietnam geflogen und habe ich mir ein Motorrad gekauft und bin durchs Land gefahren. Das war ein super Erlebnis. Und dann noch Kambodscha und Bangkok. Ich will auf jeden Fall zurück dorthin.

Wie entstehen Ideen für Fotoprojekte?
Nachrichten meistens. Ich lese alles Mögliche und wenn mich was interessiert, recherchiere ich. Dann kommt’s halt. Oder einfach Interesse wie bei meiner Bachelorarbeit. Die war über Ex-Jugoslawien. Da habe ich etwas über Grenzen machen wollen und dann ist es eine Arbeit über die Grenzen in den Köpfen geworden.

Wie hast du das bildlich dargestellt?
Sehr metaphorisch. Es war schwierig zu fassen und ich weiß auch nicht, ob ich es geschafft habe. Ich habe ein Land untersucht, das in sieben andere Länder zerfällt und über 50 Jahre in einer gemeinsamen Identität gelebt hat. Es war ein kommunistisches und später sozialistisches Regime. Wenn man einen Staat hat mit eigenen Grenzen braucht man auch eine eigene Identität. Da verschiedene Sprachen gesprochen werden innerhalb Bosniens, hat man letzte Woche eine Umfrage gestartet an den Schulen, welche Sprache man lernen soll. Bosnisch, serbisch oder kroatisch. Bis jetzt hat man alle drei gelernt. Es gibt kein großen Unterschied. Jetzt wollen die nur eine Sprache und mal sehen, welche es sein wird.

Welche Gefühle hast du gegenüber Jugoslawien?
Es gibt eine starke Jugonostalgie. Aber ich selbst bedauere es nicht, in der Zeit nicht gelebt zu haben. Meine Eltern erzählen mir von einer Stadt, die es nicht mehr gibt. Sie sagen, es ist die schönste Stadt der Welt gewesen. Sarajewo. Ich hätte es gerne erlebt, aber was da grad passiert ist schon beängstigend, der ganze Nationalismus und die Korruption. Die politische Lage ist miserabel. In Sarajewo gibt’s zum Beispiel nachts kein Wasser von 23 – 7 Uhr, weil irgendwelche Rohre kaputt sind und die nicht erneuert werden können. Da standen Leute vor dem Regierungsgebäude und haben gerufen, dass sie Wasser brauchen. Ziemlich traurig, fand ich.

Du bist relativ oft in Sarajewo?
Ich war eineinhalb Jahre nicht da, aber versuche alle 6 Monate hinzufliegen.

Ist das für dich Heimat?
Ja absolut. Hamburg ist nur der Ort, wo ich lebe. Aber Sarajewo wird immer befremdlicher für mich, auch wegen den Sachen, von denen ich dir eben erzählt habe. Ich finde Hamburg ganz schön und es ist die einzige Stadt in Deutschland, wo ich leben würde.

Was magst du an Hamburg?
Es ist ehrlicher als Berlin finde ich. Die Berliner sind mir einfach zu nett. Die in Bosnien sind eine Mischung aus Hamburg und Berlin, nur nicht so deutsch. Aber dafür herzlicher. Nicht so nett aber herzlich.

Worum geht es in deiner Arbeit ‘Across the interstates 45’?
Da habe ich eine Exkursion von der Uni aus gemacht. Austin in Texas wächst unfassbar schnell, wegen der IT-Branche. Angeblich wird es das neue New York. Es gibt ein Ghetto, East Austin, dass Across the Interstate ist, also jenseits des Highways. Die Autobahn wurde dort zwischen den Schwarzenvierteln und Downtown bzw. den Weißenvierteln gebaut. Da Austin wächst kommen viele junge Leute mit Geld hin, ähnlich wie in Berlin, die dann arme Leute verdrängen.

Wie sind die Porträts entstanden?
Ich setze mich halt irgendwohin in eine Kneipe zum Beispiel und versuche mit denen zu reden. Wenn ich sehe, dass sie mir ein bisschen Vertrauen schenken können, mache ich ein Foto. Ich frage die Leute immer,  bevor ich fotografiere, da ich nicht das Recht habe an dem Bild oder der Person. Der Moment, den ich suche, bzw. der Blick den ich versuche rauszukitzeln, der kommt nicht zustande wenn die Person mir nicht ein bisschen Vertrauen schenkt. Es muss irgendwas passieren, damit ein Bild entsteht.

Was ich auch sehr schön fand, waren die Portraits deiner Mutter…
Meine Mama lebt in Bosnien, Sarajewo. Ich musste was für die Uni machen und die ersten Bilder sind innerhalb von 10 Stunden entstanden. Dann hab ich gesehen dass es sehr schön ist und dass es irgendwann mal eine sehr wertvolle und bedeutsame Serie für mich persönlich sein kann. Diesen müden Blick hat sie übrigens nur, wenn sie mich anschaut. (lacht)

Vielen Dank, Vedad!
Mehr auf Vedads Website: divovic.com